Ortler Hintergrat (15./16.09., AD, IV, 45°)

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Am 15. September, dem Beginn eines nochmals wunderbar  wetterstabilen Spätsommerwochenendes, trafen sich auf dem Parkplatz von Innersulden je ein Auto aus Augsburg, München und Regensburg: Die sechs Teilnehmer plus drei Tourenleiter des offenen Programms der Alpingruppe 19, welche angereist waren, um den Ortler über den Hintergrat zu begehen.

König Ortler, 3905m

Die Hintergrathütte liegt auf 2661 m und ist eine reine Bergsteigerhütte, Wanderer wie auch fließend Wasser sind hier überhaupt nicht anzutreffen. Die Wirtin ging denn auch sehr routiniert organisiert mit den wieder vielen Hintergrat-Anwärtern um. Am Morgen unseres Aufstiegstages versuchten einige Gäste bereits um 3:50 zwecks Frühstück in die Stube einzudringen, wohl um sich einen kleinen zeitlichen Vorteil gegenüber den anderen Seilschaften zu verschaffen, doch keine Chance- aufgesperrt wurde die Tür erst um Punkt 4:00 Uhr und keine Sekunde früher! Das haben wohl schon zu viele versucht…

Nach einem raschen Frühstück machte sich deshalb eine lange Stirnlampen-Ameisenstraße auf den Weg Richtung Hintergrat.

Etwas heikel wurde es bereits in einer äußerst steinschlagträchtigen Schuttrinne, in der mehrere von uns von durch vorangehende Gruppen ausgelöste Gesteinsbrocken getroffen wurden. Die Belohnung war nach deren Durchquerung jedoch ein genialer Sonnenaufgang, der traumhaftes Wetter für den gesamten Tag brachte. Unsere Gruppe bildete nun im Grat drei Seilschaften à drei Mann. Immer wieder standen wir im Stau, ein Überholen war an den meisten Stellen kaum möglich. Eine Gruppe, die im Geröllzustieg noch eilig an uns vorbeimarschiert war, beobachteten wir hier, wie sie jegliche auftretenden Kletterschwierigkeiten ab Grad I mit der „Souveränität“ 150-prozentiger Seilsicherung meisterte. Vor einer der beiden Schlüsselstellen (IV) kam es zu einer besonders langen Wartezeit. Grund hierfür war ein Bergsteiger, der wohl wegen Magenverstimmung (!) die Bergrettung alarmiert hatte. Für unsere dritteund ergo als letztes gehende Seilschaft hieß das „Heli hautnah“, da sie die Stelle just im Moment der Bergung passierte!

Übersichtsbild Hintergrat (von www.hoegners.de)

Ein weiteres Highlight im Aufstieg war eine gut 40° steile Eisflanke. Je nach Absprache  zogen hier zwei unserer drei Parteien die Option, diese seilfrei zu gehen, der Option eines möglichen gemeinschaftlichen Absturzes (Stichwort: Mitreißunfall) in die Nordflanke vor.

Alles in allem genossen wir eine spannende Kletterei (in wechselnden Kletterschwierigkeiten von II bis IV), die am höchsten Punkt Südtirols auf dem 3905 m hohen „König Ortler“ gipfelte. Das Gipfelkreuz des Ortlers ist in diesem Sommer übrigens dem auftauenden Permafrost zum Opfer gefallen und samt Verankerung abgestürzt. Für das obligatorische Gipfelbild stand uns aber ein Holzprovisorium zur Verfügung. Der Abstieg führte uns über den Normalweg, welcher im oberen Bereich ein breites, flaches Gletscherplateau aufweist, im unteren jedoch wiederum einige Klettereinlagen und sogar Abseilstellen aufbot. Zwei Tourenteilnehmer, welche den Normalweg bereits Jahre zuvor gegangen waren,
bestätigten, dass der Normalweg u.a. durch mehr Fels-Eis-Mix wesentlich anspruchsvoller geworden ist, als er von früher her gilt. (Angesichts der Tatsache, dass der Ortler gemeinhin als Traumziel gehandelt wird, sollten ambitionierte Bergsteiger davor nicht die Augen verschließen.) So machten einige Normalweg-Begeher ohne Zögern von unseren hier und da installierten Fixseilen Gebrauch.

Darüber hinaus hatten wir nachmittags noch einen einwandfreien Blick in die Ortler Nordwand- mit 1200 m die längste Eiswand der Alpen-, welche am selben Tag erstmals seit dem Frühjahr wieder von einer Zweierseilschaft durchstiegen wurde!

Unser Antreiber Andy, der sich sichtlich begeistert von der Nordwand zeigte, sorgte jedoch dafür, dass unser Zeitplan nicht Opfer allzu ausgiebigen Zuguckens wurde und drückte während der Tour immer mal wenn nötig auf die Tube. Die so herausgelaufene Zeit wurde denn auch von der einen Hälfte der Gruppe gerne dazu genutzt, auf dem Abstieg mehrere Hüttenstopps zur Flüssigkeitsaufnahme einzulegen. Die andere Hälfte, die aus den Kniegeschädigten, den beiden weiblichen Teilnehmern sowie den Ü-40-Männern bestand, konnte den vorherstürmenden Weißbierexpress leider trotz dessen Pausen bis zum Parkplatz nicht mehr ganz stellen.

Die Teilnehmer danken insbesondere Andy, Ben und Franz von der AG19, dass sie uns eine dermaßen geile Tour (scharfe Sach‘!) ermöglicht haben!

Vikki & Gisela
mit Alex, Patrick, Peter und Thomas

 

Link zum Topo Hintergrat von bergsteigen.at

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