Vorweihnachtsrunde in den Tessiner Alpen

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So wenig Schnee wie nur alle 10-15 Jahre um die Jahreszeit! Berichtete das Schweizerische Schnee und Lawinenforschungsinstitut auf seiner Homepage und verriet auch gleich, wo der wenige Schnee, der überhaupt gefallen war, aufgeschlagen ist: im Gotthardgebiet, also im nördlichen Tessin und in der südlichen Innerschweiz. Da sollen aber immerhin um die 2 Meter liegen auf 2000m. Stefan und ich hatten unsere Weihnachtsgeschenke schon eingekauft und wollten unbedingt vor Weihnachten in den Schnee, also setzten wir uns am Samstag morgen in Toms roten Ferrari und ab ging’s in die Schweiz. In Altdorf (Schwyz), einem klassisch idyllischen Urschweizer Dorf mit imposanten Tell-Denkmal machten wir Kaffeestop und trafen wir noch die Judith, eine Schweizer Freundin, die aber durch ihre Ärztefortbildungswoche in Davos, insbesondere das Nachtprogramm so ausgepowert war, dass sie doch nicht mit auf Tour gehen konnte, uns aber immerhin ein paar gute Tips geben konnte.
Gegen 14 Uhr kamen wir in Ossasco im Bedrettotal an, wo der Aufstieg zur Cristallina-Hütte beginnt. Wir hatten eine viertägige Rundtour geplant, ausgehend von Ossasco, über die Cristallinahütte, die Basodinohütte und das Rifugio Maria Luisa zurück wieder ins Bedrettotal nach All’Acqua.

Mit strammen 1200 Höhenmetern und sieben Kilometern Strecke hatten wir eine knackige Nachmittagsetappe eingeplant und schafften es knapp mit dem letzten Sonnenstrahl, die Hütte zu erreichen. Die Hütte war voll beleuchtet, und, entgegen unserer Erwartungen, da wir am Telefon niemanden erreicht hatten, voll bewirtschaftet. Wir wollten allerdings unsere feine orignal österreichische Hofer-Pasta nicht umsonst hochgetragen haben, deshalb kochten wir unser Dinner mit dem Gaskocher vor der Hütte auf und verzichteten auf das wie in allen Schweizer Hütten angebotene Drei-Gänge-Menü.

Der Cristallina, der namensgebende Gipfel der Hütte mit knapp unter dreitausend Metern war unser erstes Ziel am nächsten Morgen. Der Schnee auf dieser Höhe war windverblasen, ein starker West- bis Nordwestwind sollte auch noch die nächsten Tage wehen und hatte für abgeblasene Hänge einerseits und nicht unerhebliche Triebschneeansammlungen andererseits gesorgt. Beim Aufstieg zum namenlosen Gegengipfel zwischen dem Passo Cima di Lago und dem Passo Gararesc löste eine Zweiergruppe in einem steilen Hang auch ein ganz ordentliches Schneebrett auf, so dass die Jungs sofort umdrehten und vorsichtig die Aufstiegsspur zurück zur Hütte abfuhren. Insgesamt war die Lawinensituation aber mäßig, abgesehen von den besagten Triebschneeansammlungen, die zu erhöhter Vorsicht Anlass gaben. Von diesem zweiten Gipfel aus ließen wir es nach einem weiteren Gegenanstieg über einen langen Fahrweg am Lago Bianco entlang laufen hinab bis zur Basodinohütte. Die Hütte war unbewartet, aber gut ausgestattet, wir freuten uns über einen elektrischen Heizstrahler im Aufenthaltsraum, einen elektrischen Herd in der Küche und eine Original Bialetti Kaffeekanne. Yeah. Wasser gab es zwar keines, dafür aber jede Menge Schnee auf der Hüttenterasse.

Am nächsten Tag stand uns mit dem Basodino, einem klassischen Frühjahrsgipfel mit vergletscherter Nordostflanke, der höchste Berg der Tessiner Alpen und damit der Höhepunkt unserer Runde bevor. Der Aufstieg war lang, aber leicht, die Schwierigkeiten begannen dann aber mit dem Übergang auf die Westseite. Bei guten Verhältnissen sollte man von der Scharte zwischen Basodino und Pizzo Cavergno direkt zum Rifugio abfahren können, hatte uns unsere Schweizer Tippgeberin erklärt. Als wir vom Hauptgipfel wieder abgestiegen und zur Scharte aufgestiegen waren blickten wir jedoch in ein steiles und enges Couloir mit beinhartem Schnee. Wir rutschten etwas ab in die Scharte hinein, deren Anblick, oder besser Tiefblick, uns dann doch davon überzeugte, die Alternativroute zu wählen, die Kastelllücke, über die man etwas weniger steil abfahren können soll. Dazu mussten wir zum Teil steil abfahren auf einen Nebengletscher und von diesem wieder aufsteigen zur Kastelllücke, wo die Verhältnisse mit weichem Schnee um Welten besser waren. Es war auch schon an der Zeit, um die Jahreszeit wird ab 14 Uhr das Licht merklich schlechter und wir waren froh, als wir unsere Schwünge in den fast frühlingsmäßigen Firn Richtung Rifugio setzten konnten. Das Rifugio Maria Luisa war ein Traum von einer Hütte, es gab Radeler mit Lemon Soda, der absolut besten italienischen Limonade, Kuchen und am Abend ein dickes Drei-Gänge-Menü mit geilster Pasta, ordentlich Rindsgulasch und Creme Brulee als Nachspeise. Sogar warmes Wasser aus der Leitung gab es auf der Hütte, ein Luxus, den man nach der Schneeschmelzerei im Winterraum richtig zu schätzen weiß!

Am Abschlusstag wählten wir noch einen kleineren Gipfel, das Helgenhorn, da wir ja noch eine längere Heimfahrt vor uns hatten und fuhren über dieses ab nach All’Acqua. Von All’Acqua aus hatten wir innerhalb von ein paar Minuten einen lokalen Ticinese aufgehalten, der nach Ossasco runterfuhr und damit war unsere Runde vollendet. Insgesamt eine tolle Skitourengegend, um diese Jahreszeit sehr einsam, auf der Cristallinahütte waren am Samstag abend ein paar wenige Leute, sonst waren wir fast immer alleine unterwegs. Durch die Ortswechsel war die Tour landschaftlich sehr abwechslungsreich, mit immer wechselnden Perspektiven und bei Nordföhn unglaublicher Sicht.

Schee war’s!

Folge uns Thomas Ewender:

Seit meiner Rückkehr aus der Schweiz 2013 bin ich fest mit der AG 19 verbunden. Davor war ich viel in den Westalpen unterwegs und hab mich vor allem hochtourenmäßig ausgetobt, momentan genieße ich alle Spielarten des Alpinismus - von Plaisierklettern im Tessin bis zum Eisklettern in Südtirol oder wo immer es kalt genug ist.

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