Alpin Guerilla in den Dolomiten

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Picknick vor dem Piz Ciavazes
Picknick vor dem Piz Ciavazes
Michi in der Abrahm Kante am Piz Ciavazes
Michi in der Abrahm Kante am Piz Ciavazes

Wie es halt immer so ist. Plötzlich hat man kurzfristig Zeit, die Bergentzugserscheinungen lassen sich kaum noch unterdrücken und das Wetter spielt überraschend auch mal mit. Also schnell ein „Hat jemand Lust in die Berge zu fahren, bin für alles motiviert“ in die Facebook Gruppe der AG19 getippt und hoffen das es mindestens einem auch so geht. Kurz darauf ist der Michi am Telefon: „Hab bis September frei, was magst Du machen?“ Ja was will ich eigentlich machen? Keine Ahnung, Hauptsache raus. Verlegen schlage ich ein paar wilde Longlines vor. Nach etwas hin und her  einigen wir uns darauf Sonntagmorgen von Innsbruck in die Dolomiten aufzubrechen und uns erst einmal ein wenig einzuklettern. Macht Sinn, da wir bisher noch nie als Seilschaft unterwegs waren.

Sonntag 10:00h bei strömenden Regen starten wir in Innsbruck. Ziel ist der Piz Ciavazes, der mit gerade einmal 15 Minuten Zustieg ideal ist für einen späten Start. Am Parkplatz angekommen die erste Ernüchterung: Alles feucht! Na klar, hat ja auch geregnet. Nach eins, zwei, vier, fünf Kaffee entschließen wir uns zur Flucht nach vorn.  Michi schlägt die Abram Kante 7 (5+A0) vor, von der er gehört hat das wie wohl mittlerweile betonierte Standhaken haben soll. Klingt gut, denn jetzt ist der Moment gekommen wo ich ihm beichten muss dass dies meine erste Dolomitentour werden wird. Alles halb so schlimm: „Die ist ja quasi saniert.“ 14:00h starten wir in die 12Sl lange und noch immer recht feuchte Tour. Am ersten Stand angekommen die Ernüchterung: Saniert? Denkste Puppe! Da hängen Haken denen ich noch nicht einmal meinen Rucksack anvertrauen würde. Naja, offensichtlich hängen die da schon eine Weile, also werden sie heute sicher nicht den Dienst quittieren. Flucht nach vorn! 12SL und 4h später stehen wir auf dem großen Gamsband und laufen in Richtung Abstieg. Unten angekommen suchen wir sofort die nächste Tour aus. Schnell ist was Schickes gefunden, also Gurt aus, rein ins Auto und ab geht’s zum Passo Falzarego mit dem Ziel am Tofana di Rozes  die Costantini Ghedina Führe (19SL, 6-) zu klettern.

Herrlich fester Fels
Herrlich fester Fels
Tofana di Rozes hüllt sich in Wolken
Tofana di Rozes hüllt sich in Wolken

Am nächsten Tag an der Dibona Hütte angekommen ziert sich der Tofana di Rozes  und hüllt sich komplett in Wolken. Einsteigen oder nicht? Ja, Nein, Vielleicht? Nach einer Stunde warten entscheiden wir uns für „nein“.  Zu groß die Gefahr im Nebel den unbekannten Abstieg nicht zu finden oder in irgendein lokales Gewitterchen zu geraten. Schnell ist die Alterative gefunden: die Via Ada am Col dei Bois (5+, 13Sl). Nach ein wenig hin und her finden wir sogar den Einstieg und sind (wieder ein wenig spät) gegen 12h in der Route. Die Via Ada ist das Kontrastprogramm zur Vortagestour Abraham Kante. Bestens versichert mit vielen Zwischenhaken (für Domlomitenverhältnisse) und dazu noch markiert!!! Ja die Route ist markiert. Alpinen Spürsinn für die Schwachstellen des Berges darf man getrost daheim lassen, man muss nur den blauen Punkten hinterher laufen. Nichts leichter als das, 4h später stehen wir auf dem Gipfel und gucken runter. Schöne Route, aber eigentlich ein bisschen zu viel Plaisir für meinen Geschmack. Da der nächste Tag ab frühen Abend Gewitter verspricht und ich vor 12h in Stuttgart sein möchte fällt unsere  Wahl für den Folgetag auf den Torre Grande. Dieser ist für uns faule Kletterer mit seinen 15min Zustieg wie geschaffen für anspruchsvolles klettern bei minimalem Einsatz. Die Schilder auf denen „No Camping“ steht ignorieren wir mangels adäquaten Sprachkenntnissen und stellen uns vis-à-vis  des Rifugio Cinque Torri.

Michi im herrlichen Quergang der Dimai Direkt
Michi im herrlichen Quergang der Dimai Direkt

Nach einer traumhaften Nacht in meinem nicht ganz standesgemäßen Prinzessinenbett (Decke+Isomatte+Thermarest+Thermarest+Decke+Daunenschlafsack+Baumwollinlet) bewundere ich im Aufwachen die eindrucksvollen Türme des Torre Grande. Heute soll die Dimai Direkt (6+, 8Sl) unser Abschluss sein. Die ersten beiden Längen teilt sich die Dimai mit der sehr beliebten Via Miriam. Danach geht’s über einen traumhaften Quergang weiter mit wundervoller steil ausgesetzter Wandkletterei. In der Schlüssellänge ist bei mir dann kurz der Strom weg. „Hei leck mich am A**“ Ich wusste gar nicht dass eine 6+ so sackschwer sein kann. Zähne zsammbeissen, weiter geht’s. Der Abstieg vom Torre Grande gestaltet sich witzig. Wir seilen durch eine Höhlenartige Rinne ab, sicher nicht der Normalweg, aber dafür viel interessanter. Unten angekommen lassen wir bei einem Kaffee die Tour nochmal Revue passieren und beobachten die verbleibenden Seilschaften bei ihren panischen Rückzugsversuchen vor dem drohenden Gewitter.

 

Chillen auf dem Col dei Bois
Chillen auf dem Col dei Bois
Abseilen zwischen Süd und Nordturm des Grande Torre
Abseilen zwischen Süd und Nordturm des Grande Torre
Torre Grande, direkter Blickauf die Südostkante
Torre Grande, direkter Blickauf die Südostkante

 

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