Wildspitze Nordwand

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2.-3.04.2016  Andi, Stefan, Martin

Nachdem sich nach langer Zeit endlich mal wieder ein Zeitfenster auftat, in dem ein paar AG-19 Mitglieder (Stefan Weinberger, Andi Keller, Martin Käser) gleichzeitig Zeit hatten, war es an der Zeit, diese Zeit zu nutzen, um am Freitag nach der Arbeit noch rechtzeitig ins Ötztal zu fahren.

Anscheinend ist also die Zeit immer der wichtigste Faktor. Doch auch andere Faktoren wollten berücksichtigt werden: (1) das Wetter – eigentlich für’s Wochenende perfekt vorhergesagt nur für Anfang April deutlich zu warm mit weit über Null Grad in über 3000m Höhe.

(2) die Lawinenlage – eigentlich auch nicht so schlimm in der Höhe, wenn da nicht die tieferen Lagen mit über 20 Grad und dem total durchgeweichten Nassschnee wären.

(3) die Unterkunft – an Wochenende in beliebten Gebieten ein paar freie Hüttenplätze zu finden mittlerweile echt eine Herausforderung.

Na ja, nach dem Motto „schau mer mal“ geht’s am Freitagnachmittag los. Nachdem der ursprüngliche Plan, von der Amberger Hütte zur Ruderhofspitze und dann von der Mutterbergalm über den Hinteren Daunkopf wieder zurück, an nicht vorhandenen Plätzen in der Amberger Hütte scheitert, fahren wir erst mal zur Zwieselsteiner Talhütte. Erst also mal essen, nachdenken und schlafen! (Übrigens, beim Brückenwirt gibt’s auf die Frage nach Schnaps „ALLES, AUSSER ZIRBE“!!!)

Der Alternativplan, von Sölden durch’s Windachtal über die Hochstubaihütte zur Amberger Hütte zu gehen, um dort erst eine Nacht später anzukommen und evtl. einen Platz zu kriegen zerschlägt sich sofort wieder, als wir das Windachtal von der Straße nach Hochsölden aus begutachten. Schnee gibt’s da nicht und auf fast 800Hm Wandern in Skischuhen haben wir dann doch zu wenig Lust. Überhaupt ist die Schneelage sehr ernüchtern und wir fragen uns, warum wir kein Kletterzeug mitgenommen haben. Also entweder weiter rauf ins Ötztal oder nach Vent: irgendwo muss doch noch ein bisschen Schnee zu finden sein.

Obwohl auch auf der Vernagt Hütte auf Anfrage alles voll ist, steigen wir am Samstag früh auf, in der Hoffnung, dass irgendwie schon noch ein Eck für uns frei ist. Stefan geht auch absolut Nummer sicher und steht schon anderthalb Stunden vor Abmarsch auf. Andere fragen sich, was man in Allerherrgottsfrüh in der Zeit da eigentlich so alles macht.

Schnell zum Schnee, bevor er weg is!
Schnell zum Schnee, bevor er weg is!

 

Was mach´ i hier mit Ski?
Was mach´ i hier mit Ski?
Do mias ma hi!
Do mias ma hi!
Unendliche Weiten auf´m Guslarferner!
Unendliche Weiten auf´m Guslarferner!

 

Nach längerem Tragen und immer wieder an und abschnallen, gibt’s dann etwa ab dem Platteiberg genügend Schnee und bei Ankunft auf der Vernagt Hütte sogar noch drei Plätze im Winterlager. Damit steht der Plan jetzt fest: Heute noch schnell den Fluchtkogel und morgen die Wildspitze über die Nordwand.

Zum Fluchtkogel geht mal ja von der Vernagt Hütte nur kurz ums Eck der Hintergraslspitzen rum, über den Guslarferner zum Oberen Guslarjoch und dann von Süden auf den Gipfel. Die entsprechende DAV-Karte haben wir natürlich zur Orientierung auch dabei. Martin die, die er sich damals schon als Student aus der Wühlkiste der DAV-Servicestelle München für ausgemusterte Karten für 3,80 „Mark“ (für unsere Jungalpinisten: das war die Währung vor dem €) gekauft hat1). Stefan immerhin eine etwas neuere von 2003.

1) Anmerkung von Martin: ich hab nochmal nachgeschaut. Ausgabe 1993. Aber die Berge verändern sich ja, wie man als Geophysiker weiß, nur in geologischen Zeiträumen von Jahrmillionen. Also keine Panik, in der Hinsicht ist die Karte mit 26 Jahren also quasi brandaktuell. Kleines Probem dabei ist, dass im Kleingedruckten steht: Gletscherstand österreichisches Staatgebiet 1969. Da hat sich aber in den letzten 47 Jahren doch was getan!!! Und selbst in Stefan’s Karte sind die Gletscherstände bei weitem nicht mehr aktuell.

 

Irgendwie haben wir uns auf jeden Fall aufgrund der veränderten Gletschersituation oder des mangelnden Sauerstoffs im Gehirn total verfranzt und finden uns nach anstrengendem und evtl. sogar heiklen Anstieg auf dem Brandenburger Jöchl, wo’s dann senkrecht zum Kesselwandferner abbricht. Also zurück und Hütte und für morgen ausruhen, da uns ein weiterer Aufstieg nach Korrektur des Verhauers zu anstrengend erscheint. Der Nachmittag bis zum Abendessen zieht sich und wird mit Kniffel überbrückt.

Am Gletscherbruch westlich der Wildspitze
Am Gletscherbruch westlich der Wildspitze
Querung in die Wildspitz-Nordwand
Querung in die Wildspitz-Nordwand

Am Ausstieg der Nordwand
Am Ausstieg der Nordwand
Blick von Nord zum Südgipfel der Wildspitze
Blick von Nord zum Südgipfel der Wildspitze

 

Am nächsten Tag geht’s dank Stefan wieder früh raus, d.h. man steht mit genügend Puffer auf. Die Bedingungen für den Hatscher über den Vernagtferner, den Aufstieg durch das Brochkogel Joch und die Querung unter der Nordwand des Hinteren Brochkogels sind gut. An der Schulter zur Wildspitz Nordwand angekommen gibt’s sogar Sonne. Wir queren in die Nordwand, die ebenfalls mit stellenweise noch etwas Schneeauflage und genügend Blankeis zum Sichern beste Bedingungen bietet. Kurz danach stehen wir schon auf dem „Top of Tirol“ und müssen uns gegen den Ansturm auf dem Normalweg über den Südwestgrat durch die Massen kämpfen. Das gleiche dann nochmal im Abstieg durchs Mitterkar Joch, wo uns auch der vorhergesagte Föhnsturm ordentlich entgegenbläst.

Nach der Breslauer Hütte geht’s dann noch über einen von Nassschnee Lawinen leer geräumten Hang auf die Skipiste, über die wir tatsächlich noch per Wasserski bis Vent ohne Abschnallen runterkommen. Die Oberschenkel und die Hitze machen uns zwar auf den letzten Metern noch zu schaffen, aber Pizza und Kaltgetränke bringen alles wieder ins Lot.

 

Fazit: Skitouren-Saison 2015/16 abgeschlossen und Wildspitz-Nordwand noch abgehackt, bevor sie auch den Veränderungen der Gletscherstände in DAV-Karten zum Opfer fällt.

 

viele Grüße,

Martin Käser