Unverhofft kommt oft – Traumplatte in bestem Walliskalk (!)

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Melanie und Flo am 08.08.2016

Wir befinden uns auf der Heimfahrt von unserem Frankreichurlaub und haben einen Zwischenstopp in Martigny im Wallis eingelegt. Nachdem wir heute die Route Eperon du Dard im malerischen Hochplateau von Champex geklettert sind, wälzen wir nun wiederholt den Best of Genuss Führer.

Unsere Route muss zwei Voraussetzungen erfüllen. Erstens, einen kurzen Zustieg, weil sich der Flo den Fuß verletzt hat und zweitens nicht zu kräftig schwer, da ich schon seitlängerem Probleme mit einem schmerzenden Handgelenk habe.

 

Beim Blättern im Kletterführer stoßen wir so auf die Dalle de l`Amône im Val Ferret am Point des Six Niers: Eine markante Platte durch die sich zwölf Seillängen ziehen.

Das Wandbild im Führer sieht sehr beeindruckend aus und wir sind uns nicht ganz schlüssig ob die Tour so wirklich das richtige für uns ist. Nach Aufnahme in Rébuffats Bestseller „Die 100 Idealtouren im Montblanc-Massiv“ entwickelte sie sich anscheinend schnell zu einem vielbegangenen Klassiker. Allerdings wird vor einem ernsthaften Unternehmen (großzügig gesicherte Kletterei) und einer etwas eintönigen Kletterei gewarnt.

Durch den zentralen Bereich verläuft die Dalle de l`Amône (6a in zwei Seillängen). Die Route beginnt oberhalb vom Schneefeld und verläuft erst über den grau-rötlichen Wandbereich. Oben führt sie entlang des weißen Wasserstreifens. Hier ist der Fels glatt, aber weißt eine große ausgespülte Wasserrille auf
Durch den zentralen Bereich verläuft die Dalle de l`Amône (6a in zwei Seillängen). Die Route beginnt oberhalb vom Schneefeld und verläuft erst über den grau-rötlichen Wandbereich. Oben führt sie entlang des weißen Wasserstreifens. Hier ist der Fels glatt, aber weißt eine große ausgespülte Wasserrille auf

Schon bei der Anfahrt springt uns die weißgraue Platte sofort ins Auge. Es ist zwar noch am Vormittag, aber trotzdem ist die Sommerhitze schon fast unerträglich. Nach guten zehn Minuten Zustieg stehen wir am Fuß der Platte. Die erste Länge (4c) sieht schon richtig beeindruckend aus. Und hakenlos. Gerade mal einen Haken kann man von unten erkennen. Und das ist auch die Ansage für die ganze Tour. Die Haken sind rar. Umso mehr bin ich froh dass ich doch ein paar Friends am Gurt hängen habe – obwohl das laut Kletterführer nicht nötig sei, da in der kompakten Platte sowieso nichts gelegt werden könne.

Allerdings ist der ein oder andere Friend dann doch ganz gut unterzubringen, auch wenn sie teilweise nur zur mentalen Unterstützung taugen….

Die ersten Längen weisen immer wieder kleine Schuppen und winzige Leisten auf, die doch das ein oder andere Mal beim Anfassen wegbröseln.

Als ich in der vierten Länge die 5c+ vorsteige, fange ich an Selbstgespräche zu führen. (Vertrau deinen Füßen. Vertrau deinen Füßen. Das hält…) Und es hält. Die Hakenabstände sind wirklich so weit, wie ich es auf Platten nicht kenne. Die Strukturen sind einzigartig. Kompakter Kalk mit ab und an eingelagertem Gneis.

Flo im Nachstieg im unteren Wandbereich. Splittrige Leisten mit rötlichen Einlagerungen.
Flo im Nachstieg im unteren Wandbereich. Splittrige Leisten mit rötlichen Einlagerungen.
Melanie im Nachstieg im unteren Wandbereich der Platte
Melanie im Nachstieg im unteren Wandbereich der Platte

Die Schlüsselstelle befindet sich für mich in der sechsten Seillänge. Erst angenehme Kletterei auf kleinen Leisten. Ich clippe den nächsten Haken und steige weiter nach oben. Etwa vier Meter über dem Haken kann ich noch einen mentalen Friend legen. Etwa zwei Meter nach diesem stehe ich auf einem wunderbar guten, handtellergroßen Absatz. Und da stehe ich. Und weiß nicht weiter. Keine Griffe mehr. Keine Tritte mehr. Und der nächste Haken erst in guten zwei bis drei Metern. Zurück geht nicht. Vor auch nicht. Ich weiß nicht, wie die Erstbegeher, Michel und Dany Darbellay (19 und 12 Jahre alt) das im Jahr 1952 nur mit einer Wäscheleine gesichert gemacht haben sollen…

Nach einer Runde Selbstgespräch und mit mulmigen Gefühl trete ich die Flucht nach vorne an. Halbdynamisches Aufstehen an quasi nicht vorhandenen Fingerdellen. Gott sei Dank – es geht. Und ich kann den rettenden Haken anklettern.

Weiter oben ändert sich der Charakter der Platte vollkommen. Es sind plötzlich keine Leisten und Dellen mehr vorhanden, sondern weißer, geschliffener Kalk der irgendwie an Gletscherschliffplatten erinnert. Ganz anders zu klettern, aber auch anspruchsvoll.

In der achten oder neunten Seillänge werden wir von zwei rasenden Holländern überholt. Nun ja, eigentlich ist nur der ältere gerast (sowas habe ich noch nie gesehen), der jüngere, vermutlich sein erwachsener Sohn war eher in unserem Tempo unterwegs. Wirklich beeindruckend – wie er einfach so hinaufgerannt ist – auch wenn er die Route wohl schon kannte, wie er uns am gemeinsamen Stand erzählt hat, es ist mir unbegreiflich wie man so schnell über die doch anspruchsvollen Platten rennen kann.

Die beiden Ausstiegslängen brachten dann noch ein etwas steileres, dafür aber leicht brüchiges Gelände mit sich, das unschwer zu klettern war.

Nachstieg in der oberen Hälfte des Wandbereichs. Die riesige Wasserrille ist hier charakteristisch. In den folgenden Seillängen steilt der Fels nochmals auf und wird noch glatter, bevor die beiden Ausstiegslängen mit leicht brüchigem Fels aufwarten.
Nachstieg in der oberen Hälfte des Wandbereichs. Die riesige Wasserrille ist hier charakteristisch. In den folgenden Seillängen steilt der Fels nochmals auf und wird noch glatter, bevor die beiden Ausstiegslängen mit leicht brüchigem Fels aufwarten.

Einzig der unangenehme Abstieg, der glücklicherweise mit Ketten versichert war (lieber nicht auf die Verankerungen schauen, fest konnte man die teilweise nicht mehr nennen) trübte den Gesamteindruck der Unternehmung etwas.

 

Aber insgesamt eine wirkliche Traumtour. Die imposante Kalkplatte mit der Route Dalle de l`Amône. Und warum im Kletterführer steht, dass es sich um eine eintönige Kletterei handle… zumindest wir können das nicht nachvollziehen.

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