AG19 – Klettercamp Furka

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22.September 2016, Thorsten Stahl

Das Wetter war und ist dieses Jahr irgendwie komisch. Diese oder ähnliche Bemerkungen konnte ich in letzter Zeit von meinen Kletterkameraden öfters hören. Globale Erwärmung? Weiß ich nicht, aber tatsächlich fiel es mir heuer aufgrund des häufig unbeständigen Wetters besonders schwer, in meiner begrenzten Freizeit Bergtouren zu unternehmen, besonders am Wochenende.

Vorausschauenderweise wurden für das AG19 Klettercamp am Furka gleich zwei lange Wochenenden hintereinander geplant. Jeweils von Donnerstag bis Sonntag, direkt hintereinander, das zweite Wochenende als Backup, falls das Wetter wieder Kapriolen schlagen sollte. Die Kapriole am ersten geplanten Wochenende – 18.08. bis 21.08. – war ein Tiefdruckgebiet mit nur einem halbwegs trockenen Freitag, dafür aber mit sattem Regen an den übrigen Tagen. Der erste Termin musste also leider abgesagt werden. Übrig blieb nur das Backup. Die Wettervorhersage war dafür konträr zum Ersten: ausgezeichnet. Allerdings hatten nicht alle Teilnehmer diese Eventualität für wahrscheinlich gehalten oder deren Umstände ließen es einfach nicht zu, jedenfalls blieben nur zwei Kletterer übrig, die an diesem Ausweichtermin Zeit hatten: Helmut und Thorsten.

 „Mama, Papa, ich hab einen Schneemann gebaut!“

Zufälligerweise waren wir Beide vor zwei Jahren schon einmal am Furkapass unterwegs gewesen, um den Galenstock über den Süd-Ost Grat zu besteigen. 2014 waren wir Mitte September angereist und hatten damals auf der heimeligen und sehr zu empfehlenden, auf 2700 Hm liegenden, Sidelenhütte genächtigt.

Wahrend wir damals bei bestem Wetter unsere ersten Kletterversuche im Urner Granit versucht hatten und bierselig am Vorabend unserer geplanten Tour auf den Galenstock debattierten, draußen ist es bereits dunkel gewesen, war die Tochter eines am Nachbartisch sitzenden Paares aufgeregt in dicker Jacke mit erhobenen Armen in die Stube gerannt gekommen und hatte sich lauthals mit „Mama, Papa ich hab einen Schneemann gebaut!“ über die Neuschneemengen gefreut. Aufgrund der von uns verinnerlichten eigentlich guten Wettervorhersage für das gesamte Wochenende hatte es eine Weile gedauert bis uns die Erkenntnis wie Donnerhall getroffen hat: kein aperer Gletscher, keine Spuren, ein verschneiter Grat … Mist!

2014 am morgen mit Blick auf die beiden Kamele
2014 am morgen mit Blick auf die beiden Kamele

Wir sind damals trotzdem gestartet. Allerdings hatten wir durch den Nebel, das verschneite Blockgelände und den nicht mehr aperen Gletscher, samt vereisten Klettersteig zur oberen Bielenlücke, viel mehr Zeit benötigt, als in unserem schlechtest gedachten Szenario. Abbruch.

Klettersteig zur oberen Bielenlücke 2014. Mit Steigeisen macht auch ein Klettersteig spaß!
Klettersteig zur oberen Bielenlücke 2014. Mit Steigeisen
macht auch ein Klettersteig Spaß!

Einen Tag später sind wir dann via „Conquest of Paradise“ auf dem Hannibal gestanden, aber der Galenstock hat uns noch gefehlt…

Mit diesen Erfahrungen gerüstet, freuten wir uns natürlich sehr auf das AG19 Klettercamp, denn wir hatten ja noch einen Besteigungsversuch in unseren jeweiligen Tourenbüchern zu korrigieren. Als sich der Umstand herauskristallisierte, dass wir wohl die Einzigen sind, war der Konsens klar: Auch wenn wir nur zu zweit sind, wir fahren trotzdem.

 

Zelten allein: Idylle im Urner Granit

Wie ursprünglich geplant, reisten wir am Donnerstag – 25.08. – an. Der Parkplatz war nicht überfüllt; wir stiegen mit der ersten Ladung Gepäck auf. Nach ca. 10 min sahen wir auch schon die eigentlichen Zeltplätze.

Idylle am Abend
Idylle am Abend

Es war niemand zu sehen, ein paar Wanderer in der Ferne, ansonsten nur ruhige Idylle, die durch das gleichmäßige Rauschen des Sidelenbaches untermalt wurde und dahinter die beeindruckenden Gipfel des großen Furkahorns, dessen Gipfelgrat mich immer an ein gotisches Bauwerk erinnert, mit seinen vielen Zacken, Erkern und Türmen, des großen Bielenhorns und natürlich des Galenstocks.

Da wir das Bedürfnis hatten noch weiter in diese Idylle einzutauchen, stiegen wir weitere 5 min auf und fanden zwischen mäanderförmig zusammenfließenden Bächen eine trockene, erhöhte, ebene Fläche für unsere Zelte mit einem großen Felsblock als Tisch. Perfekt. Nach einer weiteren Fuhre Gepäck und ein bisschen Gebastel am Zeltgestänge nahmen wir unsere Kletterausrüstung mit in den naheliegenden Klettergarten und gewöhnten uns schon mal an den Urner Granit. Nach der ersten Route lief das schon sehr gut und der Blick schärfte sich für das für mich eher ungewohnte Gestein, denn meist bin ich im Kalk unterwegs.

Unser Zeltplatz bei Nacht
Unser Zeltplatz bei Nacht

Am Abend saßen wir in den Campingstühlen und genossen Wein in der langsam untergehenden Sonne. Unser Ziel für Morgen – wir hatten über unseren Aktivitäten schon während der Fahrt geplant – war der Galenstock, denn das Wetter war laut Vorhersage für das Wochenende für Freitag am stabilsten.

Gestern – Heute

Wir sind einigermaßen früh aufgestanden und in der morgendlichen Dämmerung losgelaufen.

Das große Furkahorn
Das große Furkahorn

Aber richtig kühl war es uns an diesem Morgen nicht, im Gegenteil, es war schon richtig heiß. Obwohl es in der Nacht sternenklar war, hat es wohl nicht richtig abgekühlt. Ich konnte es gar nicht erwarten, bis wir auf den Gletscher kommen, um im Gletscherwind wenigsten angenehm temperiert Bergsteigen zu können – zumindest eine Zeit lang.

Auch das große Bielenhorn leuchtet, rechts daneben das kleine Kamel
Auch das große Bielenhorn leuchtet, rechts daneben das kleine Kamel

Das Eis des Sidelengletschers ließ auch nicht lange auf sich warten. Nach ca. 1 ½ Stunden wehte mir eine kühle Brise entgegen. Endlich ein wenig Abkühlung.

Sidelengletscher
Sidelengletscher 2014

Ich versuchte mich zu erinnern wie es vor zwei Jahren ausgesehen hatte, denn die  Gletscherzunge schien mir ziemlich nach oben gewandert zu sein. Ich meinte mich zu entsinnen, dass wir über einen mit Schutt übersäten Gletscher gelaufen sind, wohingegen jetzt nur Blockgelände zu bewältigen war.

Sidelengletscher
Sidelengletscher 2016

Der Gletscherschwund hatte aber noch eine andere Überraschung für uns. Um auf die oberen Bielenlücke zu gelangen, ist ein Klettersteig zu bewältigen. Der Einstieg zu diesem Steig ist über ein Couloir am rechten Ende des Sidelengletschers zu erreichen. Hier standen wir tatsächlich ca. 1,5 bis 2 m niedriger als 2014! Erschreckend.

Unwirklicher Blick von der oberen Bielenlücke
Unwirklicher Blick von der oberen Bielenlücke 2014

Der Blick, welcher sich uns nun auf der oberen Bielenlücke offenbarte, war atemberaubend schön. Vor allem, weil das genau die Stelle war, an der wir 2014 aufgrund von Zeitmangel und den Bedingungen umdrehen mussten. Diesmal, so waren wir uns sicher, schaffen wir es.

Perfeckte Bedingungen an der oberen Bielenlücke
Perfeckte Bedingungen an der oberen Bielenlücke 2016

Einsames Gipfelglück

Vom Ausstieg des Klettersteigs bis zum Einstieg in den mit Bohrhaken sehr gut abgesicherten Grat waren es nur ein paar Minuten. Zwei Bergsteiger kamen uns entgegen und verschwanden am Abstieg zum Klettersteig. Sonst war niemand unterwegs. Nur wir.

Klettern mit Tiefblick
Klettern mit Tiefblick

Die Kletterei auf dem Grat ist phantastisch, in dieser hochalpinen Umgebung, mit diesem Tief- und Weitblick, genau deshalb unternehmen wir solche Dinge!

Ohne größere Schwierigkeiten kletterten wir Seillänge für Seillänge dem Gipfel entgegen. Lediglich die Schlüsselstelle verlangte ein wenig Kreativität, denn sie offenbart ihre Griffe nicht sofort.

Auf dem Gipfelgrat
Auf dem Gipfelgrat

Der Abschluss des Süd-Ost Grates auf den Galenstock ist charakteristisches Blockgelände (meist I – II) und führt auf eine felsige, schiefe Ebene ein paar Höhenmeter unterhalb des überwechteten Gipfelgrates. Zwischen den Felsen haben wir unsere Steigeisen angelegt und die Rucksäcke verstaut. Für die letzten Meter auf den Gipfel wollten wir gerne auf zusätzliches Gewicht verzichten, denn die Höhe hatte sich längst bemerkbar gemacht.

Blick vom Gipfel auf den Rhonegletscher
Blick vom Gipfel auf den Rhonegletscher

Auf dem Gipfel (3586 m) des Galenstocks ist die Sicht atemberaubend schön. In allen Himmelsrichtungen nur Weite und klare Sicht. Immer noch kein Mensch weit und breit. Wir sind heute alleine unterwegs, was ich als besonderes Geschenk betrachte und um so mehr genieße. Unter mir der Rohnegletscher in grau-blau. Wahnsinn.

Schattenspiel an den hinteren Gelmerhörnern
Schattenspiel an den hinteren Gelmerhörnern

Nachdem ich in alle Richtungen ausgiebig Fotos geschossen habe, sind wir auch schon wieder Richtung Abseilstelle abgestiegen. Ein wenig suchen mussten wir allerdings schon, zwar fanden wir das große Steinmännchen auf Anhieb, aber die in der Beschreibung zitierte „farblich markierte Stelle“ war nicht zu sehen, denn von der Farbe war aufgrund von Verwitterung, wie sich dann herausstellte, fast nichts mehr übrig. Gefunden haben wir die vom Militär eingerichtete Abseilpiste dann doch und nach drei Schlägen standen wir unten auf einem Firnfeld.

Der Weg zurück zum Zeltplatz war dann doch noch mal anstrengend, denn die Höhe hat ihren Tribut gefordert und wir waren entsprechend erschöpft.

Zurück am Zeltplatz vertilgten wir eine Packung Travellunch, tranken Wein und redeten über das Erlebte, bevor es in die Zelte ging.

Am nächsten Tag stellte sich heraus, dass ein kleiner Stolperer meinerseits und dessen ungeschickter Versuch diesen mit der linken Hand Abzufangen – ich hatte mir den Mittelfinger dabei umgebogen – eine schmerzhafte Schwellung am Fingergelenk zur Folge hatte. Klettern war für mich damit die nächsten Tage unmöglich. Helmut hatte seinen noch nicht ganz ausgeheilten Fuß, welchen er im Februar beim Eisklettern mit einem Bänderriss verletzt hatte, über die Maßen strapaziert. Wandern war damit die nächsten Tage nicht möglich.

Der Eine konnte nicht klettern, der Andere nicht wandern. Aber man soll sowieso aufhören, wenn es am schönsten ist. Und das war es; wir hatten den Galenstock bestiegen.

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