Ortler Hintergrat

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24-26.Juli 2020, Christoph und Andi

Am Donnerstagnachmittag checkten Andi und ich die Wetterdienste, die für Südtirol äußerst unterschiedliche Prognosen lieferten. Wir suchten uns selbstverständlich den positivsten heraus.

Dieser versprach zumindest für Samstag recht trockenes, wenn auch bewölktes Wetter für die Ortlergruppe.

Also wurde am Freitag um 8:00 der Caddy beladen und auf ging´s nach Sulden. Das Ziel: der Ostgrat des Ortler, alias „Hintergrat“. Da wir natürlich auf das Pickerl und damit auf die Benutzung der A12 verzichteten, war die Fahrt landschaftlich sehr anregend.

Pünktlich zur Ankunft in Sulden, fing es an zu regnen und wir überlegten kurz, ob wir den Hüttenzustieg in der Badehose absolvieren sollten.

So schlimm war´s dann aber doch nicht und wir machten uns auf die Socken. Nach anderthalb Stunden erreichten wir auch schon die Hintergrathütte.

Meine beiden Fersen waren bereits offen. Beim Packen hatte ich nämlich festgestellt, dass die Sohlen meiner Hochtourenstiefel nach zweijähriger Abstinenz hart geworden waren. Der Hintergrat sollte also die Eingehtour für die neuen Schuhe werden.

Zum Leidwesen der Wirtsleute war die Hintergrathütte coronabedingt nur mit 13 Bergsteigern besetzt. Wir scannten unauffällig die anderen Seilschaften und rechneten uns eine gute Ausgangsposition für den „Run“ auf die Schlüsselpassage am Grat aus.

Wir nächtigten ganz standesgemäß zu zweit in einer 8-Bett-Stube. Um 3:15 klingelte der Wecker und jeder versuchte irgendwie ein relativ zaches Vinschgerl rein zu drücken. Das gelang dann auch und wir machten uns auf den Weg zum Ausgang.

1 Stirnlampenkarawanen Richtung Ortler

 

Als sich die Hüttentür öffnete, trauten wir unseren Augen nicht: aus allen Himmelsrichtungen strömten Stirnlampenkarawanen Richtung Ortler! Das Rennen war eröffnet.

Wir stapften los, rannten über die Seitenmoräne und durch die frisch verschneite Schuttflanke Richtung Grat hoch.

Trotzdem wurden wir nach einer Stunde von drei ununterbrochen quatschenden Italienern eingeholt, die statt Rucksäcken Trailrunner-Westchen trugen. Nach weiteren fünf Minuten waren sie am Horizont verschwunden. Frechheit! Wie kann man so eine Ausdauer haben?

 

2 Gottseidank kam die Sonne nur für 5 Minuten raus, sonst hätten wir bestimmt einen Sonnenbrand bekommen.

 

3 Paradebild am Hintergrat: Der Signalkopf nach der Traverse

 

Irgendwann ging dann auch die Sonne auf. Heller wurde es aber trotzdem nicht, weil sich König Ortler den gesamten Vormittag in dichte Wolken hüllte. Die Sicht lag so bei 30 Metern.

Seilfrei waren wir recht zügig unterwegs und standen plötzlich vorm Signalkopf. Da die Felsen vereist waren, zogen wir die Steigeisen an und rutschten auf dem Hosenboden die 3er-Rinne runter auf ein Band, dass uns links um den Gendarm führte.

Drüben wackelten wir Richtung Schlüsselstelle und da waren sie wieder, die laut fluchenden Trailrunner. Die nächsten 25 Minuten konnten wir staunend interessante Seilmanöver beobachten, die bisher nicht Eingang in unser Ausbildungshandbuch gefunden haben.

4 Erste Schlüsselstelle

 

Unserem Ego ging es nun schlagartig wieder besser. Schließlich durften wir dann auch das Seil auspacken. Andi ging den abdrängenden Riss beherzt an und stand acht Sekunden später am Stand.

Ich kletterte vorbei und wir konnten den Weg übers steile aber gut gespurte zweite Eisfeld und das 2er/3er-Gelände bis zur zweiten Schlüsselstelle am laufenden Seil bzw. mit Seiltransport bewältigen.

 

5 Auf dem Weg zur zweiten Schlüsselstelle

 

Dort stellten wir uns brav ans Ende der Schlange und ratschten ein bisschen mit zwei Südtirolern, die ebenfalls interessiert das Vorgehen der inzwischen wieder eingeholten Ultra-Marathon-Alpinis verfolgten.

Und dann kam der Tiefpunkt des Tages: ein einheimischer Bergführer hatte eine 6-köpfige Gruppe seiner Kumpels dabei und kletterte ohne mit der Wimper zu zucken an allen anderen Bergsteigern vorbei.

Er hängte über der Schlüsselstelle zwei Seile in den Stand und sicherte seine Saufkumpanen nach. Dabei kletterten diese unter anderen Seilen durch, latschten mit den Steigeisen auf fremde Seile und benutzten unsere Expressen zum Festhalten.

In einer Geschwindigkeit, die einfach indiskutabel war, versuchte der letzte Stammtischbruder sichtlich verunsichert zu seinen Freunden aufzuschließen. Das ganze Schauspiel wurde garniert durch wild durcheinander gebrüllte Anweisungen, wo er seine Steigeisen hinstellen soll.

Jeden Moment rechnete ich mit dem Einschlag seiner Vertikalzacken in meinem Helm.

Eine solche Respektlosigkeit haben wir selten erlebt. Durch das rücksichtslose Vorgehen dieses Bergführer-Saudeppen mussten alle anderen Bergsteiger 15 Minuten länger frierend in der Kälte stehen. Schade, aber das ist wohl der Preis, den man für Prestige-Touren zahlt.

Nach Bewältigung dieser zweiten Schlüsselstelle waren aber die Schwierigkeiten vorbei und wir überwanden das restliche 2er-/3er-Gelände bis zum Gipfel wieder seilfrei.

Um 10:00 war der höchste Spitz von ganz Tyrol erreicht. Der Höhenmesser zeigte 3.905 m an. Die Aussicht war genauso wie den restlichen Vormittag. Nämlich grau.

6 Eigentlich waren wir gar nicht am Ortler. Wir haben bei uns im Garten ein Kreuz aufgestellt und einfach auf Nebel gewartet

 

Nach einem Riegel machten wir uns an den langen Abstieg über den Normalweg. Dieser ist auch gar nicht mal so uninteressant. Einmal seilten wir ab und kurz vor der Payer-Hütte wartete nochmal eine 70 m lange Kette.

 

7 Die Kettenpassage

 

Nachdem wir uns auf der Payerhütte um unseren Elektrolythaushalt gekümmert hatten, machten wir uns auf den weiteren Abstieg über die Tabarettahütte nach Sulden.

Hier stellen Stolperunfälle die Hauptgefahr dar, weil man eigentlich ständig in die Nordwand glotzen muss.

 

8 Blick in die Nordwand

 

Nach einigem Gehatsche kamen wir dann um halb vier endlich in Sulden an. Dort bestückten wir sofort den Naturkühlschrank und hielten unsere Blasen in den Suldenbach.

9 Naturkühlschrank in Sulden

 

Nach einer Nacht im Auto gingen wir am Sonntag noch ein bisschen Sportklettern und machten uns dann auf den Rückweg.

Fazit zum Hintergrat: schöne, interessante und insgesamt auch lange Tour, die natürlich dementsprechend beliebt ist. Eine Daunenjacke schadet nicht, da mit Wartezeiten zu rechnen ist. Sollte man aber mal gemacht haben.

 

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